“Biedermann und die Brandstifter” – Premiere in Salzburg

Der Pakt mit dem Teufel

„Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch – Premiere im Schauspielhaus Salzburg

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Daß das Stück, das weit zuvor für den Spielplan ausgewählt worden war, so aktuell und zu diesem Zeitpunkt so passend sein würde, hätte er niemandem gewünscht, bekannte Dramaturg Christoph Batscheider bei der Einführung zum Stück. „Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch ist mit „Andorra“ das meistgespielteste Stück des Autors und ist vielen aus dem Deutschunterricht bekannt. Das Schauspielhaus Salzburg zeigte es in der Inszenierung von Peter Raffalt mit viel Witz und drastischen Bildern.

Das beschauliche Leben des Gottfried Biedermann (Marcus Marotte) und seiner Gattin Babette (Susanne Wende) wird jäh gestört, als das Dienstmädchen Anna (Magdalena Oettl) einen Fremden ankündigt. Der Fremde stellt sich als Schmitz vor (Frederic Soltow), behauptet, er sei arbeits- und obdachlos und ehemaliger Ringer. Biedermann gestattet ihm und später auch seinem Kumpan Eisenring (Magnus Pflüger), sich auf dem Dachboden einzunisten. Nach und nach füllen die beiden den Speicher mit Benzinfässern, bereiten alles vor – bis die Katastrophe nicht mehr abzuwenden ist und die ganze Stadt von Biedermanns Haus ausgehend in Flammen aufgeht.

Akribisch und schmerzhaft genau seziert Max Frisch den Vorgang der Unterwanderung Biedermanns. Er, der gerne mit seiner angeblich weißen Weste angibt, ist in Wirklichkeit ein Opportunist, der sich auch mit dem Teufel verbünden würde, wenn es um gute Geschäfte und Ansehen geht. Er fühlt sich weder verantwortlich noch schuldig, als ein ehemaliger Mitarbeiter, den Biedermann betrogen und entlassen hat, ihn aufsucht und um Mitgefühl bittet, und denkt nur an die Folgen, die diese Tat für ihn selbst hat, als dieser schließlich aus Verzweiflung Selbstmord begeht. Nach außen hin gibt er sich als großzügig und „viel zu gutmütig“, wobei auch seine guten Taten stets aus Berechnung und immer zu seinem Vorteil geschehen.

An diesen dunklen Punkten – nicht eingestandenen Fehlern und unterdrückten Schuldgefühlen, an seiner verlogenen Maske des anständigen Geschäftsmannes, seinem egoistischen Streben nach dem eigenen Vorteil, an seinem zwanghaften Verhaftetsein mit gesellschaftlichen Regeln – packen ihn die beiden Brandstifter. Sie manipulieren ihn mit rührseligen Geschichten, ihnen gegenüber sein gut eingeübtes falsches Mitgefühl zu zeigen, schüchtern ihn ein und lassen ihm genügend Raum, um Fakten, die nicht in sein Weltbild passen, ignorieren oder als Witz abtun zu können. Sie unterstützen ihn in seinen eigenen Betrügereien und nutzen seine Schuldgefühle, um ihn von sich abhängig zu machen.

biedermann12Biedermann, der sich stets mit dem Bösen verbündet hat, um materielle Vorteile daraus zu haben oder um vermeintlichen Schutz als Verbündeter zu genießen, erkennt bis zuletzt nicht, daß dieses Spiel nicht aufgehen kann. Doch das Böse existiert, es denkt nur an die eigenen Vorteile und es geht dafür über Leichen. Die Brandstifter handeln aus Lust am Zerstören und Biedermann sieht weg – auch als Anna während des Abendessens brutal von beiden vergewaltigt wird – und reicht ihnen am Ende noch die Streichhölzer, die den Untergang der Stadt besiegeln. Als Babette und Gottlieb sich nach ihrem Tod in der Hölle wiederfinden, glauben sie an einen Fehler im System – denn in ihrer Scheinheiligkeit sind sie die Opfer und haben nichts Unrechtes getan.

Ein Chor der Feuerwehrleute (Antony Connor, Ute Hamm und Moritz Grabbe) im Stil griechischer Tragödien kommentiert die Handlung, warnt Biedermann, hält Wache – doch die Katastrophe kann auch er nicht verhindern. Die gleichnishafte Handlung wird durch das schlichte aber eindrucksvolle Bühnenbild (Vincent Mesnaritsch) und dramatische Soundeinspielungen (Matthias Jakisic) unterstützt – immer wieder tickt eine Uhr, wie ein Zeitzünder, der auf die nahende Katastrophe hinweist. Überspitzte Kostüme weisen auf die inneren Verkleidungen und Masken der Figuren hin.

Dabei ist es einfach, ins Theater zu gehen und über Biedermann und sein groteskes Verhalten zu lachen und sich so vermeintlich über die dummen Biedermänner der Welt zu erheben. Doch das Stück ruft den Zuseher auf, sich selbst den eigenen Untiefen zu stellen, um unbestechlich zu sein für die Manipulationen der Brandstifter dieser Welt und nicht aus Habgier oder Angst zu glauben, daß es ohne Folgen wäre, mit ihnen gemeinsame Sache zu machen.

„Biedermann und die Brandstifter“ von Max Frisch ist im Schauspielhaus Salzburg noch bis 07.04.2017 zu sehen, Karten sind erhältlich unter 0043 (0) 20662 – 20808585 und http://www.schauspielhaus-salzburg.at.

Frederik Friesenegger

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