Leserbrief von Gärtnerin Michaela Schwarz zu den Baumfällplänen in Bad Reichenhall

Vollständiger und unveränderter Leserbrief zum Artikel vom 28.02.2017 – “Eine Ersatztanne für St. Zeno”

Aus fachlicher Sicht hat mich der Artikel an mehreren Stellen gelinde gesagt doch sehr verwundert. Ich bin von Beruf Gärtnerin und wir hatten über 15 Jahre eine Baumschule mit Schwerpunkt Garten- und Landschaftsbau betrieben.

Der Artikel soll ganz offensichtlich und nachdrücklich bei den Bürgern und Lesern den Eindruck vermitteln, dass hier zum Wohle der Menschen und der Natur gehandelt wird, und das alles anscheinend aufgrund fundierter Gutachten und Messmethoden. Dabei wird völlig ausser Acht gelassen, dass die Aussagekraft der hier angeführten Messmethode mittels eines Resistographen (Bohrwiderstandsmessungen) in der Fachwelt sehr umstritten ist. Die Methode ist aufgrund ihrer einfachen und kostengünstigen Anwendung sehr verbreitet, jedoch wurde die Aussagekraft der Messergebnisse bei dieser Methode über Standsicherheit bzw. Bruchgefahr in der Vergangenheit immer wieder in Frage gestellt. Wären alle Bäume gefällt worden, die aufgrund der Bohrmessungen als akut bruchgefährdet eingestuft wurden, gäbe es wohl kaum noch alte Bäume in Deutschland.

Als viel aussagkräftiger, jedoch auch aufwändiger, hat sich die Elastomethode gezeigt. Hier wird im experimentellen Zugversuch die wirkliche Standfestigkeit des Baumes ermittelt. Viele Bäume in Österreich, der Schweiz und in Deutschland konnten durch diese Messung vor einer übereilten Fällung gerettet werden. Bei dem experimentellen Versuch werden alle Strategien des Lebewesens Baum berücksichtigt, die dieser aufbringt, um sich zu erhalten. Als salopper Vergleich: Nicht jeder Mensch, der hinkt, fällt um.

Über die Methode des Zugversuches lässt sich auch ermitteln, inwieweit der Brandkrustenpilz Einfluss auf die Standfestigkeit des Baumes genommen hat. Auch hier darf nicht pauschal nach dem Prinzip „Befall – also Fällung“ vorgegangen werden. Wissenschaftliche und empirische Untersuchungen haben festgestellt, dass besonders Buchen eine hohe Widerstands- bzw. Regenerationskraft gegenüber dem Pilz besitzen. Sie sind in der Lage, befallene Stellen abzukapseln und damit für sich unschädlich zu machen.

Im Axelmannstein-Park wurde nun leider eine wunderschöne, alte Buche gefällt, weil sie vom Brandkrustenpilz befallen war. Hier wäre sicherlich eine weitere Messung über den Lastversuch erforderlich gewesen, der die Standsicherheit der Buche bestätigt hätte.

Aber auch andere Aussagen in dem Artikel sind fachlich stark zu hinterfragen. So wird angeführt, dass eine Weide am Sonderpädagogischen Zentrum gefällt werden musste, da ihre Wurzeln den Kanal beschädigten. Nun sollen zwei Bäume einer “zukunftsorientierten Baumart” gepflanzt werden. Was heißt “zukunftsorientiert”? In der Natur hat alles seinen Platz und seinen Wert. Nur weil ein Baum von Natur aus nicht sehr alt wird (Weiden werden durchschnittlich zwischen 80 und 100 Jahre alt, also älter als wir Menschen), können wir noch lange nicht auf ihn verzichten.

In unmittelbarer Nähe auf dem Grünstreifen zwischen altem und neuem Friedhof sollen weitere fünf Japanische Blütenkirschen gepflanzt werden. Unter dem Aspekt der Bienen- und Insektenfreundlichkeit macht die Pflanzung der Japanischen Blütenkirschen keinen Sinn und ersetzt sicherlich keineswegs den Wert, den die frühblühende Trauerweide hatte. Jeder kennt bestimmt das rege Treiben, das sich unter Weiden im Frühjahr bietet, da sie eine der ersten Nahrungsquellen für Insekten sind. Japanische Blütenkirschen hingegen sind gezüchtete Arten, bei welchen die Blütenblätter auf Kosten der Staubgefäße erhöht wurden, so dass diese keine oder kaum noch Nahrung für Insekten bieten. Im Übrigen säumen Japanische Blütenkirschen die gesamte Frühlingsstraße.

Bei dem Baum am Haupteingang des Münsters St. Zeno handelt es sich um eine besonders schöne Serbische Fichte (Picea omorica), nicht um eine Tanne. Warum diese gefällt werden soll, erschließt sich mir nicht.

Auch beim Thema Eschentriebsterben entsteht der Eindruck, dass hier die Diagnose sogleich zum “Todesurteil” wird. Es gibt Alternativen, die aufwendig und arbeitsintensiver sind (starker Rückschnitt, regelmäßige Kontrolle). Vorauseilender Eifer im Beseitigen von eventuellen Gefahren ist hier sicher fehl am Platze und auch nicht Sinn der Verkehrssicherungspflicht.

Der Artikel schließt damit, dass 15 Rotfichten im Stadtgebiet gepflanzt werden sollen. Die Rotfichte ist eine Baumart, die hier bei uns in den Bergwäldern der Alpen heimisch ist und forstwirtschaftlich ohnehin im Übermaß „angebaut“ wird. Sie fühlt sich von Natur aus erst ab einer Höhe von ca. 800 m wohl. Im Tal wächst sie von sich aus nicht. Im Übrigen macht die Rotfichte eher flache Wurzeln und ist somit von Haus aus windbruchgefährdet.

Offen bleibt für mich die Frage, was das für Bäume sind, mit denen die besten Erfahrungen gemacht wurden und die gefördert werden sollen. Welche Erfahrungen sind hier gemeint? Sind das die Bäume, die für uns Menschen am wirtschaftlichsten erscheinen, da sie lange leben, keine Arbeit und keinen „Dreck“ machen und einen hohen Holzpreis erzielen? Die Natur ist ein genauestens auf einander abgestimmtes System, in dem alles seinen Platz hat. Nur weil wir Menschen dieses System noch nicht oder nicht mehr verstehen, sollten wir uns nicht zu voreiligen Schlüssen hinreißen lassen, um anscheinend kurzfristige Vorteile zu erzielen. Ich wünsche mir für Bad Reichenhall, dass hier wieder in Zukunft – so wie ich es bisher eigentlich erlebt habe – mit Einfühlungsvermögen und Sachverstand die Natur und damit unsere Lebensgrundlage behandelt wird.

Michaela Schwarz

Gärtnerin

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