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Literatur

Märchen von Ilse Korn

Literaturtip 

“Märchen von den klugen Frauen”

ausgesucht und vielfach neu erzählt von Ilse Korn

geschmückt mit Illustrationen von Bernhard Nast

Verlag  Werner Dausen, Hanau/M

“Ein Märchenbuch von klugen und liebenswerten Frauen? Sind es nicht gerade die männlichen Helden, die sich in den europäischen Märchen immer durch Witz, Ausdauer, Furchtlosigkeit und Bescheidenheit auszeichnen? Daumesdick, Iwan Drachentöter, der kleine Muck, das tapfere Schneiderlein und König Drosselbart – ob arm oder reich, am Ende gewinnen sie das Glück durch ihre Tüchtigkeit.

Die Frauen aber sind häufig habgierig, dumm oder schwatzhaft, denken wir nur an das Märchen “Vom Fischer un syner fru”; da gibt es die zahllosen bösen Stiefmütter mit ihren häßlichen, faulen Töchtern, die immer Unheil ausbrüten, nicht zu vergessen die Hexen und Erzzauberinnen, die nie etwas Gutes bewirkten.

Sollte es so wenig liebenswerte und kluge Frauen gegeben haben, als die Märchen entstanden? Natürlich nicht! Nur zeigt sich auch hier die Stellung der Frau in der Gesellschaft vergangener Zeiten, der man keinen Platz in der Öffentlichkeit einräumte, die immer hinter dem Mann zurückstehen mußte. (…)

Daß uns trotzdem einige interessante ja außergewöhnliche Frauengestalten überliefert wurden, verdanken wir den Märchenerzählern. sie erzählten von den tapferen, klugen und fleißigen Frauen, die es überall gab. Bei den Fischern und schäfern, durch fahrendes Volk, vor allem aber durch die Großmütter auf den Bauernhöfen wurden Märchen erzählt und weitergegeben, und sie kannten natürlich auch die gewitzten und tüchtigen Frauen aus dem Volk. (…)

Vielfältig zeigen sich die Klugheit und die Fähigkeiten der weiblichen Märchenhelden. Ob sie klaglos ein hartes Leben auf sich nehmen, wie das “Binsenmädchen”, ob sie keine Opfer scheuen, den verlorenen Geliebten wiederzufinden, wie im “Singenden, springenden Löweneckerchen”, oder mit Beherztheit schwere Aufgaben anpacken, wie die schöne Wassilissa, sie meistern ihr Schicksal. Durch List werden sie nicht nur mit dem Teufel fertig (“Der Tabak”), sondern auch mit ihren eitlen, eigensüchtigen Ehemännern (“Die vertriebenen Gäste”, “Eine tüchtige Frau”).

List und Spott der Frauen gewinnen eine neue Qualität, wenn sie sich gegen die habgierigen Reichen und die selbstbewußten Herrschenden richten, wie in “Der Lasstträger und der Hodscha” oder “Katica der Schelm”. (…)

Daß Frauen ebenso tüchtig und mutig sind wie die Männer, daß sie furchtlos zu handeln verstehen, belegen Gestalten wie die kühne Tulganoi, die es mit einem Heerführer aufnimmt, und die Wesirstochter Schehrezad. (…)

Wo es vortreffliche Frauen gibt, sind die Männer nicht weit, und neben vielen Frauenschicksalen erleben wir in diesen Märchen auch, wie sich die Männer verhalten. Für Mädchen und Jungen ist es gleichermaßen spannend zu lesen, wie sich die Märchenheldinnen in den schwierigsten Situationen bewähren, wie sie um Gerechtigkeit kämpfen, wie sie treu und ausdauernd einem Ziel nachstreben.

Vor allem aber wird es für heutige Leser interessant sein, das rechtlose Dasein der Frauen damals mit ihrem gegenwärtigen Leben zu vergleichen, die Unterschiede festzustellen, aber auch die Gemeinsamkeiten; denn klug und tüchtig und liebenswert sind die Frauen bis in unsere Tage geblieben.

Wir leben in einer Zeit, in der Frauen und Männer gleichberechtigte Partner sind. Es wird aber noch eine Weile dauern, bis sich die Gleichberechtigung auch im täglichen Leben durchgesetzt hat. deshalb scheint es uns notwendig, das Selbstvertrauen der jungen Mädchen zu stärkenund ihnen Märchengestalten vor Augen zu führen, deren Einfallsreichtum und Einsatz für ihr Glück beispielhaft sind.”

– Ilse Korn